
Meine erste Erinnerung an "2001: Odyssee im Weltraum": Auf meinem SW-Fernseher mitten in der Nacht 14-jährig heimlich wachbleiben und zufällig immer wieder beim "Zappen" im Film hängenbleiben, Angst bekommen und weiterschalten. (Es gab schon damals diese typischen ZDF-23.50-Uhr-Sendeplätze...)
Heute weiß ich, dass die beängstigende Musik von György Ligeti ist und noch immer leicht verstörend wirkt. Heute weiß ich, dass das Buch von Arthur C. Clarke literarisch zwar nicht wertvoll, aber inhaltlich sehr dicht ist. Und ich habe auch viel ÜBER diesen Film gelesen, so dass ich jetzt eine Inhaltsangabe, Formanalyse und Interpretation bringen könnte, doch das wäre unnötig, weil überflüssig.
Mir gefällt dieser Film, weil er transzendent ist. Erfahrungsgrenzen werden ausgeführt, erlebbar gemacht und schließlich ad absurdum geführt, da immer weitere Schritte der Transzendenz folgen sollen: Die Evolution einiger Affen, die Fortentwicklung der Menschheit, und schließlich wieder die Grenzgänge eines Individuums in der Zukunft, der zu einem Sternenkind wiedergeboren wird.
Es ist kein Film über Tod, obwohl (ohne jegliche dramaturgische Sentimentalität) Teile der Crew der Raumfähre ermordet werden. Eher eine Beruhigung, dass auf eine ganz unbegreifbare Weise eine Wiedergeburt in Aussicht gestellt wird. Der Held wird zu einem neuen Stern! Als das Buch geschrieben wurde, erschien der Zahl der bis dahin auf der Erde gelebten Menschen gleich der Zahl der im Universum angenommenen Sonnen gleich zu sein. Somit ist "2001: Odyssee im Weltraum" nicht im eigentlichen Sinne religiös, beschäftigt sich jedoch dennoch mit dem Gedanken der Auferstehung und der Überforderung des Menschen damit. Der Held quält sich, ist orientierungslos, verliert das Zeitgefühl und ist sich während dieser letzten Reise bewusst, dass er nicht versteht, was mit und um ihm geschieht. Er geht schließlich in das Sternenkind über, das am Ende des Film lächelt. Und ich glaube, dass dieses sanfte Lächeln die Hauptaussage des Films ist...
Und es verschwimmen auch Genre-Grenzen, denn "2001: Odyssee im Weltraum" ist eigentlich KEIN SciFi-Film; es ist eher ein spiritueller Film, der teilweise im Weltraum spielt und schließlich 20 Minuten lang eine LSD-hafte Farb- und Tonreise zeigt, die heute eher den Namen "Videokunst" verdienen würde. Ich würde diesen Film SEHR GERN einmal aus diesem Grunde im Kino sehen....
An Bord des Raumschiffs befindet sich ein Computer (HAL9000), der menschengleich mit Intelligenz ausgestattet sein soll und somit das große Kapitel "Mensch-Maschine-Relation" anschneidet. Jedoch halte ich DIESEN Aspekt für weniger wichtig in diesem Film. (Es ist eher auf eine fremde Art lustig, dass HAL9000 im Moment der Abschaltung/seines Todes damit beginnt, Hänschen-Klein zu singen.) Und ich sehe diesen Film daher auch nicht als Mahnmal gegen die Fortentwicklung von Technik. Trotzdem endet dieser Beitrag in diesem Gedanken:
Da, wo wir nicht aufmerksam sind, dienen wir der Mechanisierung der Welt, da, wo wir lieben - ich glaube, so darf man es auch sagen - da helfen wir mit, jene Kräfte zu stärken, die einmal das große KZ und den großen Friedhof Welt unmöglich machen werden.
Günter Eich, Rede zum Hörspielpreis der Kriegsblinden 1952
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